Wenn ich mal wieder darum kämpfe, meine Tochter vor die Tür zu bekommen, habe ich seit einiger Zeit einen fetten Trumpf im Ärmel.
Der Trumpf ist blau, 115 Meter lang, 2,90 Meter breit und fährt 80 Kilometer pro Stunde Spitzengeschwindigkeit. Kaum ein Fahrzeug liebt das Kind so sehr, wie die elektrische Schlange aus dem Untergrund – die U-Bahn.
Wenn uns zuhause die Decke auf den Kopf fällt, laufen wir zum leuchtend blauen “U”, nehmen die Rolltreppe abwärts und steigen ein.
Da ist es im Sommer schön kühl und im Winter geheizt und trocken, man erlebt eine Menge spannender Sachen und kann Quatsch machen.
Unsere U-Bahn-Spiele sind vor allem Hüpf- und Zählspiele, über die wir uns köstlich amüsieren. Und weil wir oft die einzigen Fahrgäste sind, die richtig laut sind und dabei auch noch Spaß haben, lernen wir ziemlich interessante Leute kennen.

Endlich lernt man mal, wie so ein Aufzug funktioniert

Na gut, zuerst muss ich dem Kind immer einen kleinen Schubs geben. „Komm wir raffen uns auf und fahren mit der U-Bahn irgendwo hin.“
Manchmal nehmen wir uns vor, unterwegs Fotos zu machen, oder wir werden begleitet von zwei bis drei plüschigen Kumpeln. Auf dem Weg zur U-Bahnstation spielen wir Raketenstart und rennen nach dem Countdown um die Wette. Dann (Eltern kennen das natürlich) dasselbe wieder und wieder. “Nochmal!”
Der Fahrtkartenautomat wird genau unter die Lupe genommen, das Kind darf stempeln und NATÜRLICH nehmen wir den Aufzug, der rundherum verglast ist. Wir Großen nehmen uns ja gewöhnlich keine Zeit, mal genau hinzusehen wie so ein Aufzug angetrieben wird, dabei ist das echt interessant.

Du suchst Dinoexperten? Ab in die U-Bahn

In der Bahn treffen wir fast immer tolle Leute. Einmal saßen wir neben einer Gruppe von U-Bahnfahrern. Also jenen Menschen, die die elektrische Schlange steuern. Andächtig belauschte das Kind ihr Gespräch. „U-Bahnfahrer sind cool, Mama. Ich möchte auch mal U-Bahnfahrerin werden“, sagte es und prompt hatten wir fünf neue, uniformierte Freunde. Die Fahrer, die grinsend gratulierten und bestätigten, dieser Berufswunsch sei super, da müsse man auch keinen Schulabschluss haben, brachte ich mit dem strengsten Mutterblick der Welt zum Schweigen. Eine Fahrerin mit lila-schwarzem Haar, die wir besonders bewunderten, schenkte der angehenden Kollegin dann noch einen original Dienstfahrplan, der bis heute in den Untiefen des Kinderzimmers schlummern müsste.

Sagt selbst, ist er nicht total süß, der Triceratops?

Ein anderes Mal trafen wir eine echte Paläontologin. Sie hörte unserem Mutter-Kind Fachgespräch über den Lieblingsdino Triceratops zu und konnte interessante Informationen beitragen. Natürlich gab es umgehend einen neuen Berufswunsch. Nur, dass man die Knochen immer richtig  vorsichtig ausbuddeln muss, könnte der ruhmreichen Paläontologen-Karriere noch im Weg stehen.

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Wahrscheinlich war die Dame eine Bäckereifachverkäuferin aus, na, eventuell Wuppertal und hatte einfach ein Kind wie meines. Ein Kind, bei dem man nicht anders kann, als etwas über Dinosaurier zu lernen.
Das seit dem zweiten Lebensjahr an Dinomania leidet und so viele Dino-Shirts besitzt wie andere Leute Strümpfe.  Aber für das Kind und mich war sie an diesem Tag in der U-Bahn eine waschechte Paläontologin und das aufregende Highlight des ganzen Tages.

Kleine Mäuse und heiße Lava. Viel Abenteuer für eine gültige Fahrkarte

Neben den Mäusen, die man beim Warten zwischen den Gleisen beobachten kann, gibt es  auf Bahnsteigen eine Menge Plakate zu bewundern. Zu großen Messen oder wenn das Oktoberfest die Stadt fest im Griff hat, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Kind kann dann stundenlang Gucken und vorlesen: “Don-ner-stag Frei-bier.”

Äh hallo? Alles falsch gemacht!

Zusätzlich gibt es ein wichtiges Spiel, das auf der ganzen Welt von Kindern und Kennern gespielt wird: Achtung, Lava!
Die Fugen zwischen den Platten der gefliesten Bahnhöfe sind dann aus flüssiger Lava und man darf auf keinen Fall darauf treten. Wenn doch, brennen einem die Füße ab. Was? Das war nicht klar? Dann mal schnell unter die Schuhe schauen, da sind bestimmt schon Brandblasen drunter.
Breitere Fugen auf dem Boden sind übrigens tiefe Wassergräben, die man nur überwinden kann, wenn man mit beiden Beinen darüber hüpft.

Der Weg ist das Ziel ist die Essiggurke

Wohin wir fahren? Och, das ist garnicht so wichtig.
Manchmal haben wir etwas vor und besuchen ein Museum oder wir fahren zu einer Veranstaltung. Der Witz am U-Bahn-Fahren ist aber, dass es auch dann Spaß macht, wenn man mal überhaupt nichts vorhat. Vielleicht macht es dann sogar am meisten Spaß. Weil es nur darum geht, Zeit zu haben und alles zu genießen. Manchmal fahren wir zusammen in die Stadt, nur um uns auf dem Viktualienmarkt eine Essiggurke zu kaufen oder einen Kakao zu trinken. Dann freue ich mich über jede Minute mit meiner Tochter. Auch wenn das hundertste „Mama, guck mal“ fällig ist.
Also, wir sehen uns in der U-Bahn. Oder im Bus, im Zug oder in der Straßenbahn. Hauptsache, ihr nehmt Euch Zeit.