Gendermarketing

Diese Spielwarenmesse in Nürnberg ist schon toll. Zwölf Messehallen vollgestopft mit Spielzeug. Quietschbunt, manchmal völlig schrottig, viele gute und auch sehr viele sehr blöde Sachen gibt es da zu bestaunen. Auf jeden Fall bekommt man einen guten Eindruck davon, was für eine riesige Industrie-Maschine da auf unsere Kinder und uns Einfluss nehmen will. Ich bin nicht nur beruflich sehr leicht für Spielwaren zu begeistern, sonst hätte ich wohl glatt meinen Beruf verfehlt.

Hier ein paar Fakten zur Spielwarenmesse:
  • 2.902 Aussteller aus 68 Ländern
  • davon 895 Aussteller, die auf keiner anderen Messe vertreten sind
  • Mehr als 70.000 Besucher aus 130 Ländern
  • davon rund 30.000 Besucher, die nur zur Spielwarenmesse® kommen
  • 1 Million Produkte
  • 120.000 Neuheiten

Ich bin Feministin, bitte lassen Sie mich durch!

Kinder Gendermarketing
Babyausstattung in grau? Da ist doch was faul!!! Das Faultier von SKIP HOP ist noch nicht im Handel, mit klick auf das Bild kommt ihr zum verfügbaren Sortiment!

Vor manchen Ständen verweilte ich inbrünstig und begeistert quiekend, aber es gab auch einige Stellen, an denen ich ratlos den Kopf schüttelte. Wie viele Welten man sehen konnte, die unsere Kinder auf längst veraltete Rollenbilder festschreiben wollen, konnte ich gar nicht zählen. Kinder Gendermarketing ohne Punkt und Komma.

Bei jedem Gespräch auf dieser Messe zeigte uns ein Mitarbeiter Spielzeug für Jungs und für Mädchen. Natürlich kennen wir reichlich Mädchen und Jungs, die genau diesem Industrieideal entsprechen und sich einfach einsortieren lassen. Viele Mädchen lieben rosa Glitzer, Pferde und Rollenspiele. Sollen sie ja auch. Viele Jungs lieben kämpfende Monster und hochgetunte Monstertrucks. Alles gut.

Es gibt aber folgende Fragen, die für mich nicht gut sind:

  • Inwiefern beeinflusst dieses strikte Kinder Gendermarketing der Industrie die Auswahl unserer Kinder? Traut sich beispielsweise ein siebenjähriger Junge sich eine glitzernde Meerjungfrau zu wünschen? Wie wird ein Mädchen betrachtet, das lieber einen Monstertruck will als eine Prinzessinnen-Kutsche?
  • Die Kutsche bringt uns zur nächsten Frage: Stellen wir uns mal vor, es wäre okay, Mädchen auf Puppengedöhns festzulegen, weil sich Mädchen halt weibliche Vorbilder suchen und so weiter – warum zum Geier bieten diese weiblichen Vorbilder dann eine Auswahl an Identifikationsfiguren, die beruflich zwischen Hausfrau und Königin schwanken?
Auch Königin ist ein Job! Fragt mal Elisabeth die II! Wie dem auch sei, einen
Überblick zum Steffi love Sortiment gibt es mit Klick auf das Bild

Erwachsene würden sich das nicht bieten lassen!

Nahezu jede erwachsene Frau wehrt sich doch mittlerweile dagegen, sich so festnageln zu lassen. Wir Großen diskutieren Quotenregelungen, um möglichst schnell da anzukommen, wo wir schon immer hätten sein sollen. Aber unsere Kinder können zwischen Mutti und Prinzessin wählen. Das ist doch seltsam. Auch die Männer sind doch längst viel weiter, als die Industrie uns glauben machen will. Wie viele Männer versorgen ganz selbstverständlich ihre Kinder vom Babyalter an und das nicht, weil die angetraute Furie mit der lila Latzhose sie dazu zwingt, sondern weil Kinder einfach toll sind und sie die wertvolle Zeit mit den Kleinen genießen wollen? Sie sind klug und belesen, viele Männer ruhen in sich und hassen laute Motoren. Und Jungs? Die sind doch auch unterschiedlicher, als es uns das Kinder Gendermarketing weis machen will.

Den absoluten Abschuss in dieser Hinsicht brachte ein dänischer Hersteller von Kunststoffspielzeug, der uns an seinem Stand in eine Ecke mit ganz herkömmlichem Sandspielzeug führte und uns erklärte, das hier sei die Ecke für Jungs. Ich fragte ihn, ob er denke, dass Mädchen statt einer Schaufel und eines Baggers mit rosa Wölkchen den Sand umschaufeln würden.

Kinder Gendermarketing
Ich sag nix zum Thema Sandspielzeug. Unfassbar!

Es tut sich was – zumindest bei den Mädchen

Das Spiel mit der Festlegung der Mädchen weicht sich mittlerweile auf. Es gibt Hersteller wie Mattel, die ordentlich an der Barbie gearbeitet und eine große Social-Media-Kampagne gestartet haben, um das schlechte Image der viel zu dünnen Dame mit der riesigen Oberweite zu ändern. Warum sie das tun? Ich denke, die Verbraucher haben das bewirkt. Die Absatzzahlen gingen zurück und man schafft damit auch wieder einen deutlichen Unterschied zu den diversen Herstellern von „Billig-Barbies“, die weder Budget noch Image-Pflege nötig haben und einfach auf den Markt schmeißen, was gekauft wird.

Kinder Gendermarketing
Mit klick auf das Bild, kommt ihr zum aktuellen Barbie- Sortiment

Mein Besuch bei Playmobil war ein echter Lichtblick in dieser Hinsicht. Es gibt zwar einige Rosa-Hellblau-Kategorien in den Verpackungen (das verkauft sich einfach besser!), aber es gibt reichlich weibliche Figuren, die Heldinnen, Ritterinnen oder Ärztinnen sind. Bravo, Playmobil!

Kinder Gendermarketing
Sogar eine Bauarbeiterin kann man finden. Das ist doch wirklich nett!

Genderwahn! Wer hat angefangen?

Diese Diskussion hat etwas von Henne-Ei. Was klar und wissenschaftlich belegt ist: Mädchen und Jungs spielen unterschiedlich. Das war wohl schon immer so. Auch als es das Wort Gender nur im Duden auf Papier zu lesen gab. Das ist sicher auch heute nicht anders. Männer und Frauen unterscheiden sich ja einfach auch im Verhalten, häufig in Interessen. Doch was ist dann passiert?

So ähnlich sehen alle Spielwaren für die armen Jungs aus.
Nur bauen dürfen sie mehr als Mädchen.

Meiner Ansicht nach hat die Industrie nach und nach den Umsatz dadurch verbessert, indem sie immer mehr den Unterschied betonte und mit der Macht der Werbung unseren Geschmack beeinflusst hat. In den Siebzigern, als ich groß geworden bin, gab es kaum rosa Kleidung oder Spielzeug. Da war die Rosa-Hellblau-Welle für Babys ganz zaghaft zu spüren, aber dann hörte das auf. Wir Mädels hatten Puppen, die Jungs eher nicht. Aber ich weiß, es gab auch einige Jungs-Puppen. Die fanden wir Mädels besonders interessant, weil die einen Penis hatten.

Puppe boy
Jungspuppen mit Geschlecht gibt es immer noch.

Fanta orange statt pink und glitzernd

Das war‘s dann schon mit dem Gendering. Kinder Gendermarketing gab es einfach nicht. Alle Kinder wollten ein cooles Bonanza-Rad und das heiß begehrte Jo-Jo war von Fanta und dementsprechend war es orange und weiß. Wir hätten jedes Mädchen mit pinkem Jo-Jo genauso ausgelacht wie einen Jungen mit irgendeinem Kampfdrachen auf dem Jo-Jo.

So sah das coolste JoJo meiner Kindheit aus. Nicht pink, kein Glitzer, blinkt nicht.
Leider habe ich meines nicht mehr…. Das bringt heute um die 200 € auf ebay!

Also wer hat angefangen, Kinderspiele zum Geschlechterkampf zu erklären? Wir alle. Die Industrie hat es getestet und wir haben es gekauft. Es wird nur produziert, was gekauft wird. Deshalb liegt es jetzt an uns Eltern, den Kreislauf zu durchbrechen. Machen wir uns stark. Erklären wir unseren Kindern einfach, warum es keine Ü-Eier für Mädchen geben muss. Warum wir die ganz schlimmen Sachen nicht kaufen wollen. Bei den Mädchen ist bereits der Beginn einer Gegenbewegung zu spüren – jetzt kommen die Jungs-Eltern dran. Wollt ihr nicht auch mal einen Ritter, der im Set mit seiner kleinen Tochter verkauft wird? Oder eine Kinderküche, wo auf der Verpackung Mädchen und Junge abgebildet sind? Wenn ich einen Jungen hätte, würde ich das wollen. Mein Mann ist nämlich kein tumber, um sich schlagender Krieger – er hat genauso viele Facetten wie eine Frau. Auch wenn er Autos über alles liebt.