Die geneigte Leserin wird sich an dieser Stelle fragen, wie eine Mutter so eine Überschrift wählen kann. Was für ein Kind ist denn eine Bergziege? Ein besonders genügsames? Eines mit hässlichem Bartwuchs oder gar Hörnern? Hat das arme Kind Hufen? Klettert es außergewöhnlich flink? Das kann ich Gott sei Dank alles verneinen. Aber das Kind hat trotzdem etwas mit einer Bergziege gemeinsam. Es meckert. Es meckert den ganzen Tag.
Egal was ich vorschlage, was ich machen möchte oder muss und was ich koche: Es wird gemeckert. Prophylaktisch, einfach mal drauf los.

Gründe zu meckern gibt es viele und Mama ist immer irgendwie schuld

Wenn nicht ich es bin, die Schuld ist am Elend der Kinderwelt, dann bin dennoch ich diejenige, die das Gemecker aushalten muss. Über das Wetter, den Kindergarten, die drückenden Schuhe. Darüber, dass der Fernseher kaputt ist, dass er nicht kaputt ist, dass das Licht zu hell oder zu dunkel ist. Dass der Bus kommt oder dass er nicht kommt.
Die Anlässe zu meckern sind zahlreicher als die Google-Treffer zum Thema Bergziege.
Wenn wir U-Bahn fahren, wäre das Auto besser. Fahren wir Auto, kommt Sehnsucht nach der U-Bahn auf. Das Skateboard ist exakt so lange saudoof, bis wir ohne Skateboard zum Spielplatz unterwegs sind. Selbst wenn ich mich nach dem Kindergarten breitschlagen lasse, ein Eis zu kaufen, bin ich irgendwie daran schuld, dass die andere Eissorte doch leckerer schmeckt.

Ich weiß, das ist das Alter. Die Zahnlücken-Pubertät. Eine Art Trainingseinheit für das dicke Ende der Kinderzeit. Aber es zermürbt mich trotzdem.

„Kann man denn nicht einfach mal mit dir zusammen vergnügt sein, auch wenn wir etwas Blödes machen müssen? Klar macht Einkaufen gehen keinen Spaß, aber es muss erledigt werden. Wie wäre es, wenn wir uns beim Einkaufen einfach eine Geschichte ausdenken oder Männer mit Hut zählen?“, frage ich. „Äh, Mama. Saudoof finde ich das.“

Es ist nicht so, dass ich mit dem Kind nur zum Einkaufen gehe. Wir achten darauf, besonders viel Cooles zu unternehmen. Das wird entweder erst mal abgelehnt oder mit einer weiteren Forderung verknüpft, über die man super meckern kann, wenn sie nicht auch noch erfüllt wird.

Picknick am See: „Aber nur, wenn wir nicht mit dem Rad hinfahren.“
Dinoausstellung: „Da bekomme ich auch ein Eis, oder?”
Museum mit Erdbebensimulator: „Darf ich danach dann fernsehen?”
Indoor-Spielplatz: „Bekomme ich dann Pommes?“
Schwimmbad: „Zu nass heute.“
Freizeitpark: „Wie lange müssen wir Auto fahren?“
Camping-Ausflug: „Ist da auch ein Spielplatz?“

Und so weiter. Die einzigen Freizeitaktivitäten, die sie nicht mit Bergziegen-Sound unterlegt, sind nach Hause gehen und Tablet spielen und nach dem Kindergarten mit den anderen Kindern draußen treffen. Aber das geht halt leider nicht immer. Letzteres findet statt, sowie das Wetter es zulässt und die anderen Kinder Zeit haben. Alles, was Medienkonsum ist, heißt bei uns „eckiger Spaß“ und ist bei uns kein Tabu, aber zeitlich limitiert. Aus Gründen.

Ist meine Erwartung das eigentliche Problem am Meckern?

Ich frage mich das ernsthaft. Gebe ich mir zu viel Mühe und erwarte deshalb Begeisterung und Kooperation? Denke ich nicht manchmal: „Wenn ich dir einfach wie andere Eltern immer die Glotze anmachen würde, hätte ich es leichter?“
Wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, ist natürlich meine Enttäuschung über das Gemecker wesentlich größer, wenn ich etwas wirklich Tolles vorschlage.  Und wenn beim Freizeitparkbesuch nichts kommt außer „Wie lange müssen wir Auto fahren?“, empfinde ich das Kind als verwöhnt und undankbar, was ja auch Rückschlüsse über mich in meiner Mutterrolle nahelegt. Kein angenehmes Gefühl.

Am Ende weiß ich immer, dass wir, egal wie das Gemecker ist, Spaß haben werden. Man muss da nur einmal kurz durch, am besten ohne auszuflippen. Ich habe jetzt eine Strategie dazu entwickelt und da schließt sich der Kreis zur Bergziege: Wenn die erste und absehbare Reaktion des Kindes kommt, stelle ich mir vor, an dem netten Kindergesicht würde ein Ziegenbart dranhängen. Das finde ich so lustig, dass ich es immer öfter schaffe, nicht so verbissen zu reagieren.
Testet es ruhig mal!