Kinderspiele Nachkriegszeit

Das ist Christa mit ungefähr sieben Jahren


Was gab es denn für Kinderspiele kurz nach dem Krieg? Wie haben eigentlich die „Kinder“ gespielt, die heute siebzig oder älter sind? Gab es damals überhaupt Spielzeug?

Ich konnte mich mit Christa Glöckner (Jahrgang 1945) über die Kinderspiele der Nachkriegszeit unterhalten. Wir Eltern von heute sind ja eigentlich eher damit beschäftigt, unsere Kinder in möglichst weiten Kreisen vom viel zu großen Angebot an Spielzeug fern zu halten. Damit sie auch mal rausgehen und damit sie nicht so schrecklich viele Wünsche haben.


Wie war das denn in Deiner Kindheit, Christa?

Im Sommer und Winter haben wir vorwiegend draußen gespielt. Unter anderem, weil wir einfach in unserer „Behausung“ viel zu wenig Platz hatten. Wir wohnten über zehn Jahre lang in einer Art „Behelfshaus“, das ungefähr 40 Quadratmeter Wohnfläche hatte. Mit drei Kindern in Stockbetten und so. Mein Vater baute selbst ein Haus und die Baustelle ging, wie es damals eben so war, immer nur dann weiter, wenn genug Geld da war. Das hat natürlich ein bißchen gedauert… 

An einige Kinderspiele der Nachkriegszeit erinnere ich mich noch genau!

Wir spielten mit Klickern (Murmeln), man sollte sie in einem Loch versenken und wer die meisten Treffer hatte, hat natürlich gewonnen. Leider hatte ich nur kleine tönerne einfarbige  Klicker, sehnsüchtig schielend nach den wunderschönen Glasklickern, die so schön farbig schillerten und anderen Kindern gehörten und eigentlich zu schade waren, sie in Erdgruben zu versenken. Man konnte gut erkennen, wer Links- oder Rechtshänder war. Bei mir war zum Beispiel der linke Zeigefinger vom vielen Schieben nach einer Saison ganz rau und abgeschabt.

Erinnerst Du Dich auch an Deine Freunde?

Mit einem jüngeren Buben spielte ich in seinem Sandkasten Cowboy und Indianer. Wir holten uns Moos, Blätter und Zweige, wie in der Prärie! Er hatte Spielzeug-Cowboys und Indianer, Mustangs und andere tolle Sachen, da konnten wir stundenlang spielen.

Meine Familie wohnte damals im letzten Haus unserer Straße – danach kamen gleich Wiese und die Bleiche (eine große Wiese, wo die Wäsche aller Familien zum Bleichen ausgelegt wurde), umgeben von Maulbeerbüschen, Bäumen, Sträuchern, die unser größter Spielplatz waren und natürlich der Bach, der im Sommer für die 1. Schwimm- und Tauchversuche hergehalten hat und im Winter – zugefroren – für Schlittschuhlaufversuche. Autos fuhren zu der Zeit in unserer Straße kaum, es gab sowieso kaum Autos. Eigentlich sehr schön für Kinder.

Fahrradfahren lernte ich auf einem Herrenrad, ich war nicht groß genug um auf der Stange sitzend zu fahren, also steckte ich das eine Bein unter der Stange durch! Da waren Stürze natürlich vorprogrammiert…auch Roll- und Schlittschuhe wurden ausgeliehen von Erwachsenen. Damit sie einigermaßen hielten, haben wir sie mit Rexgummi (Einmachgummi) festgezurrt.

Oh je, hat das denn trotzdem Spaß gemacht, das klingt ja ziemlich wackelig? Wenn ich so an uns Eltern von heute denke, die ihre Kinder mit Helmen, Ellenbogenschützern und Angstschweiß ins Radfahren begleiten, muss ich lachen!

Alles hat Spaß gemacht, obwohl mir eigene, passende Schuhe wahrscheinlich mehr gefallen hätten, aber so war die Zeit damals. In der Nachkriegszeit fehlte es an so ziemlich allem.

Im Winter waren wir mit den viel zu großen und festgezurrten Schlittschuhen auf dem Eis und vor allem Rodeln im „Hellegarte“ (hochdeutsch: Höllengarten)! Das ist ein breiter Hügel, der wirklich etwas höllisch ist. Der Berg führte direkt in den Bach und wenn man nicht rechtzeitig bremste oder auswich, landete man PENG direkt im Wasser. Im Eifer des Gefechts hat das nichts ausgemacht, aber auf dem Heimweg, so nass und kalt, war das nicht schön. Außerdem hatte ich natürlich Angst, dass meine Mutter schimpft.

Und zuhause, was hast Du da gemacht?

Brettspiele und Karten waren immer da. Ich habe mit meiner Mutter gerne Halma, Dame, Mühle, Rommé und Canasta gespielt. Auch Mensch ärger dich nicht hatten wir.

Später habe ich auch gerne gemalt – vor allem Frauen und Männer, dazu Kleider und Accessoires, die habe ich ausgeschnitten, mit den „Anziehpuppen“ gespielt, mir Geschichten ausgedacht.

Irgendwann habe ich die Lust zu Büchern für mich entdeckt, der Freund meines Vaters hat mir diese Liebe schmackhaft gemacht. Bis heute ist das eine echte Leidenschaft geblieben! Ich brauche immer etwas zu lesen.

Was denkst Du heute über Deine Kindheit in den Nachkriegsjahren?

Uns hat es ehrlich gesagt trotz Armut und der wilden Nachkriegszeit an Nichts gefehlt. Ich hatte eine schöne und freie Kindheit, an die ich immer gerne zurück denke.

Danke für Deine Kindheitserinnerungen, Christa!

Da kann man so großartig heraus lesen, wie toll Kinder sind. Armut, Nachkriegszeit? Egal. Es wird improvisiert, gespielt, Probleme werden weg gelacht und mit Phantasie entstehen neue Welten. Auch wenn die Erwachsenen einfach zu beschränkt sind um zu verstehen, dass Krieg immer nur Not und Elend bringt. Auf allen Seiten. Heute ist der 27. Januar, der Tag an dem wir an das schrecklichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte denken, den Holocaust. Die Kindergeneration von damals, hat dafür genauso wenig Verantwortung für die Verbrechen und den Krieg, wie alle Generationen danach.

Aber wir haben ALLE die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert und das es keinen Krieg mehr gibt.

Kinderspiele Nachkriegjahre. Dresden 1945
Dresden 1945. Christa ist nicht in Dresden aufgewachsen, aber dieses Bild zeigt auf einen Blick, wie es war in der Nachkriegszeit.