Ich habe mich kürzlich mit Günes Seyfarth getroffen und wir waren beide sehr traurig, über die aktuelle politische Situation in Deutschland. Dabei kamen wir auf die Frage, was denn eigentlich gelungene Integration ist? Ein wirklich interessantes Gespräch war das. Es geht doch nicht darum, das ein moslemisches Kind in der Kita Schweinefleisch essen muss! Es geht auch aus meiner Sicht nicht darum, dass uns Deutschen etwas weg genommen wird. Ich verstehe Menschen, die Angst vor Veränderung haben, aber die große Negativität in der Gesellschaft macht nimmt mir schlicht den Atem, um es mal verkürzt zu schreiben.

Weil ich es satt habe, immer nur von Hass und Vorurteilen zu lesen, möchte ich gerne von Zeit zu Zeit Menschen vorstellen, die Beispiele sind für diese gelungen Integration sind. Einfach mal das Positive zeigen. Günes, mit türkischen Wurzeln und gleichzeitig eine Powerfrau, die etwas bewegt für Deutschland, ist ein so wunderbares Beispiel dafür!

Erzählst Du uns zunächst ein bisschen was zu Deiner Familie und Deiner Vita?

Meine Eltern sind damals als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Meine Mama war 16 Jahre und hatte nichts dabei außer einem kleinen Koffer. Mein Papa kam später nach. Meine Mama kommt aus einer kinderreichen Familie. Die Jungs durften in die Schule gehen. Die Mädchen blieben nach der Pflichtschulzeit (damals nur die Grundschule) zu Hause und halfen im Haushalt. Meine Mama störte das sehr. Sie sehnte sich seitdem nach Bildungsmöglichkeiten und wollte raus aus den Zwängen dieser Gesellschaft. Mein Papa war und ist politisch interessiert. Die Türkei war damals gefährlich für Freidenker. Unter anderem deswegen verließen sie ihre Heimat und kamen nach Deutschland. Ohne sprachliche Vorkenntnisse, ohne Wissen über das Land, nur bepackt mit ihren Träumen. Für mich immer noch beeindruckend.

Ich selbst habe eine übliche Grundschule mit hohem Migrationsanteil besucht. Ich war eine durchschnittliche Schülerin. In der vierten Klasse sagte meine Lehrerin meiner Mama, dass ich auf das Gymnasium gehen kann, wenn ich in der letzten Probe eine Eins schreibe. Also habe ich zwei Tage Müllrecycling gelernt und die beste Arbeit in der Klasse geschrieben. So ging ich auf das Gymnasium und später noch auf die Uni.
Lernen ist für mich lebenslanges Abenteuer. Ich liebe es, in Themen reinzugehen, die ich (noch) nicht kenne. Peter Bichsel sagte mal, dass die Welt der Kinder Fragen sind – die Erwachsenenwelt die der Antworten. Fragen ermöglicht, Neues zu erfahren. Das ist in meinen Augen das Spannendste auf der Welt.

Sprechen bei Dir alle Familienmitglieder Deutsch?

Ja. Mein Bruder hat Down-Syndrom. Die Ärzte sagten damals, dass er nur eine Sprache lernen wird. Also stellten meine Eltern dann auch zu Hause auf Deutsch um, da Deutschland zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden war.

Darf ich Dich fragen, Günes ob Du Dich als Türkin oder als Deutsche fühlst? Oder ist das blöd?

Als Jugendliche war ich in Deutschland die Türkin und in der Türkei die Deutsche. Das fand ich damals sehr ungerecht. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich mir von beiden Ländern das nehmen konnte, was ich gut fand. Seitdem finde ich es gut, dass ich beide Kulturen in mir trage.

Was an Dir ist türkisch, was deutsch?

Ich weiß, dass ich die Summe meines Umfelds und meiner Erfahrungen bin. Mein Bruder und seine Besonderheit haben mich sehr geprägt. Natürlich auch meine Kulturen. Türkisch ist meine Emotionalität, mein Vertrauen in die Welt. Deutsch ist meine Verbindlichkeit, mein Streben nach sinnvollem Output und meine Liebe für Ordnung. Obwohl ich eher die chaotische Ordnung mag. In meinen Augen ist das eine wunderbare Synergie aus beidem.

Es gibt Menschen, die bei uns leben, die sich offenbar kaum aus ihren Communitys lösen können. Sie leben ein türkisches Leben mitten in Berlin oder München. Was denkst Du darüber?

Ich finde ein Nebeneinanderleben in Ordnung, wenn es friedlich, tolerant und respektvoll ist. Ich finde es bereichernd, dass ich in München asiatisch essen kann wie in Thailand oder China. Oder Produkte bekomme, die ich aus der Türkei kenne. Wenn wir akzeptieren, dass die Welt unsere Heimat ist, dann finde ich braucht es die Vereinheitlichung von Lebensstilen in einem Land nicht.
Integration ist ein sehr großes Wort. Doch was verbirgt sich dahinter? In meinen Augen geht es dabei darum, dass Menschen ähnliche Werte teilen. Wie ist unser Frauenbild, wie gehen wir miteinander um, wie wichtig ist uns Umweltschutz? Diese Werte machen aus uns, was wir sind. Und diese Werte müssen wir friedlich verteidigen.

Viele Deutsche regen sich furchtbar darüber auf, dass Deutsch-Türken Erdogan wählen, oft angeheizt von unserer Berichterstattung. Was denkst Du könnten die Gründe sein, Erdogan zu wählen?

Das ist für mich auch unverständlich. Seit den Wahlen bin ich der Meinung, dass nur Menschen wählen dürfen sollten, die mehr als sechs Monate in einem Land leben. Alles andere ist ungerecht, da diese Menschen nicht die Konsequenz ihres Handelns erleben werden. Den Menschen in der Türkei geht es sehr schlecht mit der aktuellen Regierung – oder sollte man es demokratie-vermutende Diktatur nennen? Dieses Jahr habe ich von Türken in der Türkei sogar die Vermutung gehört, dass die „deutschen Türken“ es sogar wollen, dass die Lira an Wert verliert, damit sich „deutsche Türken“ etwas leisten können.
Wir müssen eines verstehen: Politiker und Unternehmen betreiben oft egoistische Politik. Die Menschen in den Ländern sind aber die gleichen wie vor zehn Jahren. Die Türken in der Türkei sind nach wie vor gastfreundliche Menschen.

Günes, Du arbeitest viel mit Flüchtlingen? Was genau machst Du und wie beurteilst Du die Lage von Flüchtlingen in Deutschland?

Ich unterstütze Flüchtlinge bei der Verwirklichung ihrer Business-Ideen. Sie wollen sich hier oder in ihrem Herkunftsland selbstständig machen. Ich arbeite mit ihnen ihre Businesspläne aus und helfe in Deutschland bei steuerlichen und gründungsrelevanten Themen sowie meinem Netzwerk.

Ich finde nicht, dass wir gut mit den Flüchtlingen umgehen. Wir isolieren sie in Asylheimen, sprechen ihnen die Möglichkeit ab zu arbeiten. Das frustriert enorm. In Deutschland haben wir die Gewohnheit, Menschen zu segmentieren. Kleinkinder sind in Krippen und Kindergärten, Schulkinder in Schulen (und dort auch noch in Klassen), Arbeitnehmer in Firmen, Flüchtlinge in Flüchtlingsheimen und Senioren in Altersheimen. Wir denken, dass wir uns bedürfnisorientierter um Menschen kümmern können und übersehen dabei, dass wir ihnen das nehmen, was sie zu Menschen macht: der altersgerechte Umgang mit anderen Menschen.

Nebenbei gehen uns viele Ressourcen verloren.

Senioren könnten in Kitas mithelfen. Damit kann man den minimalistischen Betreuungsschlüssel aufwerten und älteren Menschen eine Aufgabe geben. Kinder lernen von den Alten und die Alten von den Jungen.

Das Problem, das wir in der Gesellschaft diskutieren, ist ein ganz anderes Thema. Die Gettoisierung in Deutschland ist hausgemacht. Jahrzehnte später wundern wir uns und suchen bei den Gastarbeitern oder Flüchtlingen die Schuld. Dabei ist das unsere Chance zu lernen, dass eine Isolation nicht zu Integration führen kann.

Erleben die Leute Rassismus? Hast Du selbst Erfahrung mit Ausgrenzung gemacht?

Manche erleben das. Andere wiederum nicht. Nicht jedes neutrale Verhalten ist Rassismus. Ich hatte wenige rassistische Momente. In diesen Momenten erkennt man, welche Last die Menschen tragen. Sie sind frustriert, unsicher oder neiden einem etwas. Wenn sie dann ein geringes Selbstvertrauen haben, kann es sich in rassistischen Ausdrücken äußern. Wenn man versteht, dass man selbst nicht das Problem ist, dann kann man einfach darüber hinweg lächeln. Denn Lachen ist gesund und macht gute Laune. 🙂

Hier gibt es noch etwas zu lesen darüber, was Günes so beruflich macht!