Lange war ich nicht mehr so sentimental wie vor zwei Wochen. In Gedanken versunken wühlte ich Fotoalben heraus und war so nah am Wasser gebaut, dass mich Hundefutter-Werbung zum Weinen brachte. Da waren diese Welpen … Nein, nein, ich bin weder schwanger, noch habe ich PMS. Es ist viel schlimmer. Meine Tochter hatte ihren ersten Schultag.

Große Vorfreude und ewig lange Listen mit Schulmaterialien, die zu besorgen waren: Die Schule war schon Wochen vorher DAS Thema. Aber als ich anfing nachzudenken und nachzufühlen, was dieser erste Schultag mit mir macht, war es wohl dieses Mutter-Tochter-Band, das auch mein Kind irgendwie verunsicherte. Oder umgekehrt. Plötzlich hatte ich wieder ein Kuschelkind, wir mussten viele Babybücher lesen und haben auch gemeinsam Fotos angeschaut. Eine emotionale Berg- und Talfahrt.

Die ersten beiden Schulwochen fand sie eher langweilig. Es musste wohl viel ausgemalt werden – das findet sie furchtbar. Wahrscheinlich hatte sie die Erwartung, nach zwei Wochen Schule mit ihrer Astronautenausbildung starten zu können. Heute Morgen hatten wir ein interessantes Gespräch: Sie fragte mich, ob sie da jetzt immer hin muss und zuhören. Ich habe natürlich versucht, das zu relativieren. Das klang nicht sehr begeistert und ich konnte sie so gut verstehen. Mir ging es ähnlich, als ich nach meinem Studium im ersten Job steckte und mir nach einigen Wochen klar wurde, dass das jetzt so bleibt – früh raus, wenig Zeit für mich, totale Fremdbestimmung. Dieser Ausblick auf die nächsten 40 Jahre schockierte mich damals.

Meine Tochter konnte ich beruhigen. Ich berichtete ihr, dass die meisten Erstklässler schon zu Weihnachten selber lesen können. Ich erzählte davon, wie sich mir als Kind plötzlich die Möglichkeit eröffnete, die ganze Welt kennenzulernen, als ich selber lesen konnte. Niemanden fragen müssen, einfach lesen. In Abenteuer eintauchen, Bücher über Dinos, Planeten, Insekten verschlingen, so oft man will. Das hat ihr richtig gut gefallen und sie bestand darauf, allein zur Schule zu gehen. Da stand ich dann und blickte meinem ehemaligen Baby hinterher, mit der schaukelnden Schultasche auf dem Rücken. Loslassen ist wirklich schwierig.