Ich hätte aufmerksam werden sollen, als ich bei einem Telefonat mit Mario Angerie, unserem Haus- und Hof-Installateur, das Kind nicht davon abhalten konnte, wild auf der Couch herumzuhüpfen. Aufgeregt sprang es durch die ganze Wohnung, als ich einen Termin für den kommenden Donnerstagvormittag ausmachte. Sowie ich aufgelegt hatte, wurde ich belagert: Warum denn der Termin am Vormittag sei, da wäre doch Kindergarten. Ich versuchte zu ergründen, warum ein Besuch des Klempners, der den völlig verkalkten Duschablauf wieder freimachen sollte, so interessant war. Schließlich gab ich nach und versprach, dass wir den Kindergarten ausfallen lassen.

Ein unvergesslicher Tag mit Mario

Am Donnerstag um 5.35 Uhr hopste das Kind auf mein Bett und verströmte gute Laune. Richtig aufgeregt war es, als würde eine große Geburtstagsparty anstehen. Da wir sonst häufiger mal mit Meckeranfällen zu kämpfen haben und gerade der Morgen eine höchst explosive Zeit ist, alberten wir fröhlich herum.
Als pünktlich um 11 Uhr Herr Angerie klingelte, bestand das Kind darauf, die Türe zu öffnen und das Drama begann. Ich hörte folgenden Satz: „Hallo du, ich bin der Mario und möchte mir eure Dusche anschauen!“ Darauf folgte ein ohrenbetäubender Schrei und das Kind rannte türenknallend und heulend ins Kinderzimmer. Der Klempner war völlig entsetzt und nach hundertfacher Versicherung, dass er nichts falsch gemacht habe, war er endlich an der Dusche beschäftigt und ich eilte hinterher.

„Das ist nicht Mario“

Alles, was an sinnvollen Wörtern aus dem Kind herauszubekommen war, war immer wieder: „Das ist nicht Mario. Mario hat eine blaue Hose, nen roten Pulli, eine lustige Schirmmütze und einen Schnauzbart.“
Ich musste so unfassbar lachen, dass ich schnell versprach, etwas zu trinken zu holen und aus dem Zimmer rannte. Wiehernd ging ich in Richtung Bad. Jetzt stellen Sie sich kurz die Situation von außen vor, als ob Sie in ein Puppenhaus schauen: Im Kinderzimmer das heulende, aufgelöste Kind, im Flur die vor Lachen heulende Mutter und im Bad der verzweifelte Klempner, der nicht nur den Duschablauf nicht geöffnet bekam, sondern sich zudem wie ein hässlicher Kinderschreck fühlte! Porca Miseria! Als ich mir diese Situation in der Wohnung kurz vor Augen führte, geschah es. Meine Blase machte die Lachattacke nicht mehr mit und es ging in die Hose. Im Bad saß ja bereits der fluchende Klempner, also rannte ich auf die Gästetoilette. Hose wechseln musste ich trotzdem.
Als alles wieder trockengelegt war, beruhigte ich erst den fluchenden Klempner, der wirklich herzlich über die Situation lachte und sagte: „Das bekommen wir hin!“ Gemeinsam gingen wir ins Kinderzimmer. Dort erzählte der entzückende Mann, dass Mario und Luigi, die berühmten Mario Bros., mit ihm eng verwandt wären. In Italien wären alle Männer, die Mario heißen, gewissermaßen Brüder. An exakt dieser Stelle kündigte sich bei mir (aus Gründen) ein neuer Lachanfall an und ich ging vorsichtshalber direkt auf die Toilette. Als ich wieder zurück war, malte Klempner Mario mit dem Kind ein Bild für den „echten“ Mario und versprach Grüße auszurichten.

Den Osterhasen gibt es nicht, aber Mario lebt

Ich finde es ganz erstaunlich, dass das Kind noch zwei Jahre später von der Existenz der Mario Bros. überzeugt ist. Für Geschichten von den Herren Osterhase und Weihnachtsmann werde ich hemmungslos verspottet – aber über Mario wird gesprochen, als würde er nebenan wohnen.
Wie Herr Angerie den Zwischenfall verkraftet hat, weiß ich nicht. Aber so, wie ich ihn einschätze, trägt er mittlerweile eine rote Uniform und reichlich Haare unter der Nase, damit kein Kind mehr weinen muss.