Carsten Schumacher

Wir freuen uns wie verrückt über dieses Interview. Es gibt ja so Leute, da denkt man gar nicht darüber nach, ob die Familie haben und auf dem Spielplatz matschen. Wenn Carsten irgendwo rum matscht, dann auf einem Festival. Das denkt man zumindest, wenn man ihn sieht. Das stimmt aber nur zur Hälfte, wie er uns heute in diesem Interview über Kindheit, Kinder und Spielzeug erzählt hat!

Carsten Schumacher schreibt seit beinahe 25 Jahren über Musik, war Chefredakteur von Visions und des Festivalguides, dazu langjähriges Redaktionsmitglied des Intro Magazins. Begonnen hatte aber alles mit Heavy Metal, seiner Band Evil Weevil und einem Fanzine namens No Compromise bzw. der zur Milleniumswende ersten Metal-WebTV-Show Höllenforte. Zu diesem, seinem Herzenssound ist er nun zurückgekehrt und fungiert als Gesicht und Stimme des Full Force Festivals.

1. Was hast Du als Kind am liebsten gespielt, wenn Du alleine zuhause warst?

Burgen! Ich war ein megalomaner Burgherr. Mein Lego reichte bald nicht mehr aus, aber dafür gab es dieses tolle Drucker-Endlospapier, bei dem die Blätter aneinander hingen. Darauf hab ich über Meter Zinnen gemalt und begleitend natürlich das Wachpersonal, dessen einziger Job es war, die benachbarte Zinne zu bewachen. In heutigen Zeiten des Mindestlohns hätte mich das Unsummen gekostet, damals höchstens einige Fässer Biersuppe.

2. Was hast Du als Kind am liebsten draußen mit anderen Kindern gespielt und warum ?

Als Anhänger altsprachlicher Mythen hab ich natürlich Griechen und Trojaner gespielt – noch vor den großen Zeiten staatlicher Computerviren! Da viele meiner Freunde aber lieber Skeleton und He-Man spielen wollten, mussten sich Kompromisse finden und auf Bud Spencer und Terence Hill konnten sich alle einigen. Und zwar inklusive der Audio-Special-Effekts, die sich im Wesentlichen auf jenes Geräusch reduzieren lassen, das ein flach auf den Tisch gehauenes Lineal so macht. Romantisch wurde es, wenn wir uns der Freiräuberei besannen. Ich hatte eine Schallplatte mit den Seemannsliedern aus Pippi Langstrumpf inklusive des Mega-Hits “Seeräuber-Opa Fabian”!

3.Erinnerst Du Dich an besonders beliebte Geräte oder Treffpunkte Deiner Kindheit?

Bei mir war’s das “Wäldchen”. Für mich als Stadtkind war es jedenfalls eins. Ich fand’s super, mit dem Fahrrad über Baumwurzeln zu springen und in den Gebüschen geheime Unterschlupfe zu kreieren, deren Unsichtbarkeitsschutzfaktor mit dem Pearl-Index nicht wiederzugeben wären. Später wurde dort eine Kita gebaut, der Rest der Vegetation ist nun kleiner als jeder Vorgarten auf dem Land.

Mit diesem coolen Bike war Carsten unterwegs. Ich liebe auch die Sandalen mit den Socken!

4.Was war Deine geheime Fantasie als Kind? Wolltest vielleicht ein Superheld sein oder lieber ein Erwachsener mit einem tollen Job?

Ich wollte Archäologe werden und zwar bevor ich das Wort richtig aussprechen konnte und der erste Indiana-Jones-Film erschien. Gefeierter Schauspieler oder Piff-Paff-Puff-Chemiker wären auch noch in der Lostrommel gewesen, aber wie mir gesagt wurde, kommt man nur mit Beziehungen zum Film und in der Chemie wären tatsächlich nicht alle Versuchsflüssigkeiten bunt und explosiv. Der Archäologe hingegen ist der perfekte Mix aus Glücksritter, Abenteurer und scharfsinnigem Wissenschaftler – das war mir tatsächlich schon vor Harrison Ford bewusst. Und ich wäre selbstverständlich aufgeklärter und behutsamer vorgegangen als dieser Rowdy von Schliemann! *ausspuck*

5.Welche Spiele spielst Du heute gerne? Gibt es Spielzeuge, die Du aus Liebe und Nostalgie bis heute aufgehoben haben?

Ich kann mich ohnehin nur schwer trennen. Wäre ich nur Archivar geworden, würde mein Messitum heute nicht so auffallen. Mein Lego, die Carrera-Bahn, Playmobil und ja, auch das unselige Play-Big Wikingerschiff (meine Eltern hielten es irrtümlich für einen adäquaten Ersatz für das von mir gewünschte Playmobil Piratenschiff) liegen weiterhin in sicherer Verwahrung. Ich war immer der Typ Rollenspieler, nie der Typ Techniker. Aufbauen war für mich ein notwendiges Übel, damit dann die Geschichten anfangen konnten. Heute lebe ich sowas eher im Schreiben aus, aber es ist beruhigend zu wissen, dass die Figuren und Bausteine alle noch bereit stehen.

Du hast Kinder, Carsten- wenn es möglich ist, würden wir gerne auch dazu einige Fragen stellen:

  • Verrätst Du uns die Namen und das Alter?

Luana ist 12 und Merle 8.

  • Was sind die Lieblingsspielzeuge?

Da sich das ja ändert und sie jetzt aus dem Spielzeug-Alter rauskommen, hab ich sie einfach gefragt, aber keine eindeutigen Antworten bekommen. Luana hat währenddessen Malen-nach-Zahlen gemacht und wie Merle Hörspiele gehört. Das machen sie aktuell am liebsten. Luana schreibt ansonsten (wenn sie nicht liest) gerne eigene Geschichten und Merle hat als angehende Schlagzeugerin jetzt ein Practice Pad bekommen, damit sie nicht immer auf unseren Kissen trommeln muss.

  • Welches Spielzeug Deiner Kinder hasst Du und warum?

Da ist bei uns alles entspannt. Aus der Zeit der Nerv-Spielzeuge sind wir eigentlich raus und was das Smartphone angeht, hab ich Luana zugegeben bis zu diesem Weihnachten hingehalten. Ich wäre wohl genervt, wenn das Smartphone phantasievolle Spiele oder Bücherlesen ersetzen würde, aber bislang sehe ich da keinen Anlass zur Sorge.

  • Hast Du vielleicht eine lustige Anekdote rund ums Thema Spielzeug für uns?

Ein Freund von mir, ebenfalls Vater, dessen Kinder ein wenig älter sind, hatte schon vor mir Erfahrungen mit „Nerv-Spielzeugen“ gesammelt. Vornehmlich Plastikkram, der auf Knopfdruck minutenlang auf übelste elektronische Klangerzeugung zurückgriff. Diese Sachen fanden bei ihm über kurz oder lang immer den Weg in eine spezielle Kiste. Und wenn bei ihm die niedersten Instinkte der Schadenfreude zur Geltung kamen, griff er dort hinein und brachte eins davon den Kindern „befreundeter“ Eltern mit. Wir sehen uns seitdem nicht mehr so oft, fällt mir gerade auf…

Du hast ja viele Jahre in der Musikindustrie gearbeitet. Welche Bedeutung hat Musik für Deine Kinder? Spielt Headbanging eine Rolle in Eurem Familienleben ?

Oh, da bin ich natürlich fürchterlich. Die Kinder haben nicht die leiseste Chance, irgendeine Casting-Show zu sehen, ohne von mir über sämtliche Mechanismen und Hintergründe aufgeklärt zu werden. Schon die Erwähnung von Disney-Sternchen wie Violetta zieht bei mir einen minutenlangen Vortrag nach sich. Dafür ist es auf der anderen Seite so, dass meine Kinder hart gesotten sind, was Sounds jenseits des Mainstream-Spektrums angeht. Dass Black Metal für Kinder verstörend sein kann, hab ich erst bei den Freundinnen meiner Kinder beobachten können. Zu Konzerten und Festivals hab ich meine Töchter natürlich schon immer mitgenommen. Die Faszination des Treffens von Musikern oder eines Besuches des Backstage-Bereiches konnte ich damit schon im Keim ersticken.

Unser Deal ist: Kein Rolf Zuckowski, dafür muss in verständlicher Sprache gesungen werden

Für die musikalische Sozialisation war für uns das Auto sehr wichtig, denn bei Autofahrten kann man lange und konzentriert Musik hören, wenn man sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat, dass Kinder-Hörspiele nicht in den CD-Spieler kommen. Unser Deal ist: Kein Rolf Zuckowski, dafür muss in verständlicher Sprache gesungen werden. Die daraus resultierende Mix-CD-Edition wird sehr bald den Umfang einer sorgsam gepflegten Kuschelrock-Sammlung sprengen. Und von „Ton, Steine, Scherben“ bis zur neuesten „Käptn Peng & Die Tentakel” von Delphi ist ein langer Weg, da gibt es viel zu entdecken. Um jetzt noch zum Headbanging zu kommen: Luana möchte nicht dabei fotografiert werden, aber Merle macht die Windmühle noch bevor der erste Blastbeat überhaupt einsetzt!

Wie ist Deine Meinung zu elektronischen Spielen für Kinder?

Da ich selber von einer Datasette groß gezogen wurde (mein älterer Bruder hatte meinen Eltern glaubhaft versichert, dass ein VC20 mit Datasette zum Programmieren völlig ausreichen würde und der bei meinen Freunden beliebte C64 mit Floppy eh nur zum Spielen benutzt würde), bin ich aus Gamer-Sicht Analphabet. Nicht zuletzt deshalb hatte ich im Intro Magazin über Jahre eine Games-Kolumne mit dem Titel „Keine Skillz am Controller, aber La Paloma pfeifen“. Ich konnte mir also viel auf dem zweiten Bildungsweg draufschaffen, aber zum regulären Zeitvertreib hat es dann leider doch nicht gereicht und ich fürchte, das vererbt zu haben. Die Hand-Augen-Koordination meiner Töchter ist also dementsprechend nicht auf dem Leistungsniveau der Altersgenossinnen.

Wann sind sie soweit? Soll man unverkrampft ran gehen, oder ganz streng die Bildschirmzeit limitieren

Begleiten ist, glaube ich, das Wichtigste. Irgendein Device ins Kinderzimmer schmeißen und die Tür zu machen war schon beim Fernseher falsch, warum sollte es bei Konsole oder Tablet anders sein?

Hat sich Deine Meinung dazu verändert, seit Du selbst Vater bist?

Nö. Bei aller Liebe zum sinnlosen Geballer in Ego-Shootern war mir klar, dass man das keinem Fünfjährigen in die Hände drückt. Seit ich mit einer Psychologin verheiratet bin, weiß ich überdies auch noch viel zu viel darüber, wie das Gehirn fiktive und reale Bilder trennt bzw. eben nicht trennt, um es für niedlich zu halten, dass bspw. das US-Militär Ego-Shooter zu Kampf-Simulationszwecken einsetzt. Das Suchtpotenzial ist ebenso nicht zu unterschätzen, von daher ist es wie bei anderen Drogen auch: Man muss reif dafür sein und da sind die Grenzen individuell. Aber jenseits von Ego-Shootern, Kampfsimulationen und WOW-Welten gibt es natürlich unzählige Spiele, die Kreativität, Teamwork und komplexes Denken fördern. Es liegt in den Händen der Eltern, ihre Kinder mit der Auswahl und auch dem Spiel selber nicht alleine zu lassen. Das war aber eigentlich schon immer so, da hat sich „nur“ das Angebot und die Komplexität verändert.

Welches Videospiel oder welche App für Kinder findest Du besonders empfehlenswert, falls Du eine kennst? Kannst Du uns Musik oder ein Hörspiel für Kinder empfehlen?

Vorleser.net haben eine schöne App mit kostenlosen, legalen Hörspielen und auch das Digital-Angebot der Hörspiel-Redaktionen der großen Öffentlich-Rechtlichen wie WDR, NDR und BR haben viele gute Produktionen für Kinder. In Sachen Musik sollte man Kinder einfach nicht unterschätzen, sondern einfach selber erzählen, was daran faszinierend ist, welche Geschichten es zu der Musik gibt oder eben deutschsprachige Musik wählen und anschließend über die Texte reden. Bei uns gab’s Hamburger Schule statt Weihnachtsbäckerei und Peter Licht statt Mark Foster und dadurch hatten wir viele tolle und spannende Gespräche. Ich hab mich nie davon leiten lassen, was andere für altersgemäß halten. Ich bin einfach dabei geblieben und hab beobachtet, was kleben bleibt oder was evtl. verstört. Meine Erfahrung: Es ist viel weniger verstörend als man vorher gedacht hätte und wenn man sich darüber unterhält, haben beide Seiten was davon.

Vielen Dank, Carsten Schumacher. Was für ein lustiges Interview!